In Vorbereitung auf das Thema „Skizzenbuch, Skizzenblog, Notizblog, Blogbuch – das Memorieren und Begreifen“, hat sich mir folgende Fragestellung aufgedrängt, da Sie ein mediales Raumphänomen betrifft, wie ich finde. Ich schreibe hier suchend. Viellicht ergibt sich später ein klareres Bild und deutlichere Worte. Zunächst so weit:

Kann persönlichstes, erfahrenes Leid, zerstörte Liebe, ungelöster Kummer in Foren im Internet/ der Öffentlich besprochen werden?

Für diese Art Offenheit und Nähe finde ich „Foren“ im Internet nicht geeignet. Sie – diese Art Offenheit – versteinerte zwischen den Polen Kitsch und Klischee. Sie würde im Grunde die intendierte Intimität und Ehrlichkeit in unzulässiger Weise, zu so einer Art Readers-Digest Version der großen Gefühle, verkürzen. Oder eben zu einem Vera am Mittag Talk-Format, dass im Internet eh schon weit verbreitet ist. Dennoch wird virtuell versucht, solche Räume zu generieren. Auch Blogs zielen in eine solche Richtung. Analogien zu räumlichen Begriffen finden sich auch auf diesen Seiten hier und sie sind durchaus beabsichtigt.

Ich kann zwar (sozusagen als Fachmann für Räume) nachvollziehen, dass man sich Begriffe für Ordner und Archivsysteme schafft, die eine andere Haptik haben, als digitale Begrifflichkeiten. Aber ich denke auch, dass man das Bewusstsein behalten sollte, dass Ordner, Bits und Bytes Nicht-Räume oder Un-Orte sind. Ihnen fehlt der „Genius Loci„. Egal welche Andacht und Spiritualität wir ihnen allein durch ein Wort oder dem Design einer Heimatseite unterstellen, werden wir ihnen dadurch weder einen Sound, noch das Klima und auch nicht die Optik verleihen können, den solche Räume bräuchten.

Man bedenke: Allein schon der Gesprächsraum eines Paares – ein heiliger Raum. Zwei Bäume, eine Bank – eine Kathedrale. All das ist virtuell in einem Forum nicht machbar.

Bei „Forum“ ist die richtigere Assoziation der Markt. Hier wird gepriesen und geschrien. Über den Platz hinweg wird da gerufen: „Ich bin hier – hör nicht auf ihn! Meine Ware ist besser als seine!“

Intim, wie ein Ort der Andacht, wie das Zwiegespräch, ist sicherlich der Brief. Ein Medium, welches Worte bewegt, die nur einen etwas angehen, nämlich den Anderen. Es gibt Dinge, die schreibt man Anderen, andere besser nicht. Dann gibt es Dinge, die schreibt man sich weg von der Seele, ohne sich selbst zu verletzen oder zu berühren. Meist mit der geisterhaften Distanz einer dritten Person. Ein Alter Ego tut da literarisch sein Pflicht. In der schönen neuen Welt werden sie Avatar genannt, bezeichnen aber das selbe. Der Vorteil eines Stückes erreichter oder auch nur versuchter Literatur, ist die Distanz zu ihrem Inhalt, die in ihrer Form gesucht wird. Die Form ergibt sich aber doch im Prozess, oder wird – je nach dem, ob man bereits ein Konzept verfolgt oder nicht – beim Schreiben hinterfragt und verändert, weil neues Bahn bricht. Kuschelforen führten da in Sackgassen.

Was mich fasziniert, ist das scheinbare Bedürfnis die Entwicklung der „Entpersönlichung“ im Netz umkehren zu wollen und sich sozusagen virtuell zu (Re-) Personalisieren (z.B. Second Life). Liegt dem womöglich ein verlorener Weltbezug zugrunde? Ein eintauchen in Virtuelles? Ein sich verfangen im Netz? (Gibt es eigentlich Utopien ohne eine Offenbarungsgeschichte?)

Wenn das Netz aber nichts weiter ist als ein Spiegel unserer Welt, dann wird sich die reale Welt im Virtuellen zunehmend abbilden. Kummer, Leid, Liebe, Hoffnung, Schicksale lassen sich nur in einer gehöhten, übergeordneten (qualitiv hochwertigen) Darstellung als wahrhaftig wahrnehmen, oder weiterhin nur ganz direkt (vis a vis). Deswegen glaube ich nicht dass es spezielle „Foren“ für die starken Gefühle und Regungen des Lebens braucht, sondern – wie schon in der analogen Welt – spezielle GizehAusdrucksformen für dieselben. Das Lied, die Lyrik, Poesie und Prosa führen durch die Wirren der Schicksale – nicht die Märkte, die Channels und die Fernsehformate. Formen der Kunst sind es, die uns berühren und nicht das Banale, das jeden im Leben streift, und das sich beispielsweise auch in Tod und Verlust tausendfach abbildet. Denn das ist ja die banalste Erkenntnis des Lebens überhaupt: Die Unfähigkeit dem Tod zu trotzen.

mj